Dichtung und Wahrheit

 

Oh Du wundervolles Shiraz, du Stadt des Weines und der Poesie, du Wallfahrtsort der Liebe. Die Rebe und den Ausschank suche ich vergeblich (ja, ja striktes Alkoholverbot). Die Liebe im öffentlichen Raum ist ein zartes, fast unsichtbares Pflänzlein, doch immerhin wie schön, dass du deine Dichter so hofierst. Ich konnte mich – welch eine Ehre – davon in tiefer Ergebenheit überzeugen.
Deine bekanntesten Söhne seien genannt, ohne andere herabzuwürdigen:
Hafiz aus dem 14. Jahrhundert, sein Mausoleum mit den kunstvollen Fliesenmosaiken erinnert an ihn. Dazu der großzügige Garten, der sicher im Frühling noch farbenprächtiger ist mit seinen Orangenbäumen und den wohlig duftenden Rosen. Die vielen jungen Menschen, natürlich alle verliebt und mit dem Problem, die Liebe nicht ausleben zu können, kein Sex, kein flüchtiger Kuss, kein verschämtes Händchenhalten oder Streicheln – Hafiz bitte hilf mir/uns im ach so schweren Schicksal. Sag es mir aber nicht so deutlich, verwebe deine Metaphern mit der hohen Kunst deiner Sprache, damit dir keiner dieser dummen Zensoren auf die Schliche kommt. Nur ich/wir darf/dürfen dich verstehen.
Seine bekannteste Doppelmetapher ist die von Nachtigall und Rose – unnahbare Geliebte und sehnsüchtiger Liebhaber – sie können einander nicht finden.
Dann ist da noch ein gewisser Saadi aus dem 13. Jahrhundert, beide Dichter übrigens geadelt von unserem Goethe in seinem „Westöstlichen Diwan“. Auch sein Grabmal, also das von Saadi, ist Anziehungspunkt, nicht nur für Verliebte, sondern für alle, die Kraft schöpfen in seinem paradiesischen Garten – ermattet vom beschwerlichen Leben in der umliegenden Wüstenlandschaft.
Ich erinnere mich an den Rezitator, im Pavillon stehend, dem wir alle so andächtig lauschten:
Leere bei dem Fest des Lebens
Einen Becher oder zwei
Und begehre nicht zu gierig,
Dass die Lust beständig sei.
Ich sag mal so, liebe Iranerinnen und Iraner, und ich vermute eine ähnliche Gefühlslage auch bei euch:
Die Zeit ist reif für einen neuen Saadi oder Hafiz – bei allem Respekt – oder gleich für andere Verhältnisse.