Kunst in Prag

Was geht da eigentlich ab in Prag
mit einem einem gewissen Herrn Cerny, der mir bei meinen Stadtspaziergängen des öfteren begegnet ist, also nicht er als Person, sondern seine Kunst, die sehr öffentlich und zugänglich ist, bevorzugt an markanten Plätzen, der Mann scheint einen guten Draht zum Magistrat zu haben.
Nicht alles gefällt mir, Herr Cerny, mit Verlaub.
Mitten in der Einkaufspassage am Wenzelplatz: Hoch oben der Reiter Wenzel auf dem Bauch des umgedrehten Pferdes, mein Gott, was hat ihn da geritten, den Cerny, dem Tier steigt das Blut zu Kopfe.
Das bleibt dem verehrten Siegmund Freud immerhin erspart, er darf freischwebend und haushoch abgehoben über der belebten Gasse das Treiben beobachten, mit rechts sich an der langen, herausragenden Stange haltend, die Linke lässig in der Hosentasche. Welch eine Tragik:
dem Tiefenpsychologen ist die Nähe zu den Menschen verwehrt.
Der Zugang zu zwei weiteren Arbeiten des Herrn Cerny fällt mir da leichter.
Auf dem Hof der deutschen Botschaft der Trabi mit den dicken, stelzigen Beinen, nicht das Original, nur aus der Ferne zu beobachten, quasi vor dem Zaun, so wie 1989, aber andere Gefühlslage. Quo vadis nennt Cerny sein Werk, wohin des Weges, na keine Frage, ins Land, wo Milch und Honig fließt.
Dann wäre da noch der Kafkakopf, eine aufwendige, spektakuläre Installation, auf einem Platz umgeben von Geschäften, deren Inhaber als Geldgeber dem Cerny sicher nicht freie Hand gelassen haben. Er soll ja von Kafkas Werk „Die Verwandlung“ inspiriert worden sein. Die Hauptfigur mutiert darin zu einem häßlichen Käfer. Die Nähe zu einem solchen Bild hat sich Cerny verkniffen, die innere Zerrissenheit, die Kafka ausdrücken wollte, ist nicht spürbar, dafür verwandelt sich die Physiognomie alle paar Sekunden mechanisch, die Spiegelplatten glitzern in der Sonne, der Betrachter hat Gelegenheit für eigene Interpretationen. Der eine denkt dabei an Kafka, der andere erfreut sich an den technischen Spielchen.
Alles ok, Herr Cerny, Kunst muß ja nicht immer provozieren.